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5 fand er nämlich das Wort «Phönix»: Der Gerechte wird aufblühen wie der Phönix. Daher sagte er: Wenn der Sünder zur vollkommenen Sinnesänderung und Buße gelangt ist, dann wird er ganz verjüngt und wie neugeboren in der Gnade. Aber obwohl das Ansehen dieses großen Mannes viel Achtung verdient für das, was er mit großer Klugheit gesagt hat, müssen wir uns doch an die gewöhnliche Fassung halten, die von der heiligen Kirche kanonisiert ist, die in sich gerechtfertigt ist (Ps 18,10). Obwohl «Phönix» im Griechischen den seltenen und wundervollen Vogel bedeutet, von dem wir gesprochen haben, bedeutet das Wort tatsächlich auch Palme. (…) Sagen wir also mit David: Der Gerechte wird blühen wie die Palme, und sprechen wir von der wahren Palme. Nun gibt es zahllose Vergleichspunkte zwischen der Palme und dem Gerechten. Die Palme ist der Fürst unter den Bäumen, der Gerechte unter den Menschen. Die Palme ist immer grün, sie wächst in die Höhe und bleibt auf dem Boden stets klein und schlank; sie ist ganz stark und erträgt Lasten; sie trägt ganz vorzügliche Früchte. Doch mir dünkt, das ist allen Gerechten gemeinsam, trifft aber in besonderem und größerem Maß auf den glorreichen hl. Josef zu. Deshalb habe ich mein Augenmerk auf die bewundernswerten und seltenen Eigenschaften dieses Baumes gerichtet, die vergleichsweise ganz einmalig auf den hl. Josef zutreffen. Die erste: Es gibt zwei Arten von Palmen; die einen sind männlich, wir können sie «Palmbäume» nennen; die anderen weiblich, sie sollen den Namen «Palme» behalten. Und das ist das Wunderbare: Man vermählt die Palmen, um sie fruchtbar zu machen, und ihre Vermählung ist ganz jungfräulich und rein, heilig und unbefleckt. Lege die Schilderung (nach dem römischen Naturgelehrten Plinius) so anschaulich wie möglich dar. O Gott, ihr seht schon das meiste, was ich euch sagen will, aber es ist angebracht, dass ich es für die Einfachen erläutere. Mt 1,18: Als die Mutter Jesu, Maria, mit Josef vermählt war, ehe sie zusammenkamen… Nein, nicht der Palmbaum befruchtet die Palme, vielmehr befruchtet die Sonne sie. Vielleicht wollte die Natur diese Vorgangsweise nur einhalten, um uns durch dieses Gleichnis zum Verständnis dessen zu führen, was wir nun sagen. Es ist der Heilige Geist, der die Seligste Jungfrau fruchtbar macht. Lk 1,35: Der Heilige Geist wird auf dich herabkommen und die Kraft des Allerhöchsten wird dich überschatten… Mt 1,20: Was aus ihr geboren wird, stammt vom Heiligen Geist. Der Heilige Geist wollte aber die Vorgangsweise einhalten, dass die Seligste Jungfrau nur im Stand und im Schatten der Ehe (den Sohn Gottes) empfing, in einer ganz und gar jungfräulichen Ehe, die «die Jungfräulichkeit Marias nicht beeinträchtigte, sondern heiligte»; und es erhöht den Rang des hl. Josef wunderbar, dass er der wirkliche Gemahl einer so heiligen Braut ist. Hohelied (Hld) 8,8f: Unsere Schwester ist klein und hat noch keine Brüste. Was werden wir mit unserer Schwester machen an dem Tag, da man um sie wirbt? Ist sie eine Mauer, so wollen wir silberne Bollwerke bauen; ist sie ein Tor, dann wollen wir es mit Zederngetäfel bewehren. Josef war daher der Wächter ihrer Jungfräulichkeit. Hld 7,2: Dein Leib ist wie ein Weizenhaufen, von Lilien eingesäumt. «Tempelwächter des Heiligen Geistes» nennt Tertullian die Keuschheit. Aus dieser Ehe ergibt sich aber ein zweiter Vorzug des hl. Josef: Obwohl er nicht der natürliche Vater Christi des Herrn ist, ist er doch mehr als sein Nährvater, mehr als ein Oheim. Obwohl Christus nicht das Kind Josefs ist, ist er doch sein Sohn; er ist nicht sein Kind, aber er ist ein Sohn, der ihm gehört. Wenn die Taube eine Dattel trägt und über dem Garten fallen lässt, dann gehört die Palme, die aus ihr wächst, dem Eigentümer des Gartens. Daher wird er blühen wie die Palme: Der Palmbaum blüht, d. h., er trägt Frucht in der Palme. Hld 5,11: Seine Haare gleichen den Kronen der Palmen, schwarz wie der Rabe. Die schwarzen Kronen tragen weiße Blüten. Trage den Bericht (Plinius) vor. Der Gerechte wird blühen wie die Palme. Das gilt zwar für alle, am meisten aber für den hl. Josef, der alle Tugenden, die ihn zum Gerechten machten, durch die Demut verbarg. Daher war er zu seiner Zeit ein unbekannter Mann. Kol 3,3: Ihr seid gestorben und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott. Welche Demut offenbart doch das heutige Evangelium! (Mt 1,18–21). (Aus: Franz von Sales, Predigten, Eichstätt und Wien 1977, 193–196; gekürzt)


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