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27 Später, als schon alle schliefen, wachte ich mit dem Gedanken an Papa auf. Es war im strengen Winter. Da ich schon keinen Schlaf mehr hatte, kam mir der Gedanke, den Rosenkranz für ihn zu beten, jedoch im Bett; denn wegen der Kälte hatte ich keine Lust, aufzustehen und zu knien. Ich begann das erste Gesätz des heiligen Rosenkranzes, aber es gelang mir nicht, drei «Gegrüßet seist du, Maria» zu beten. Wie durch einen starken Antrieb wurde ich gezwungen, aufzustehen; ich sollte kniend beten. Ich tat es. Vor dem Bette kniend betete ich mit der größten Andacht, deren meine Seele fähig war, und in der festen Überzeugung, daß Papa des Gebetes bedürfe. Ich betete nicht nur einen Rosenkranz zur Mutter Gottes, sondern auch einen «Rosenkranz» von «Gedenke, daß ich dir gehöre», und einen «Schutzengel Rosenkranz». Bis dahin hatte mein Schutzengel sich nicht bemerkbar gemacht. Das befremdete mich jedoch nicht; denn ich hatte ihn ja zu Papa geschickt. Als ich den «Schutzengel-Rosenkranz» beendet hatte, begann ich von Neuem mit einem «Rosenkranz» von «Ehre sei dem Vater», so sehr fühlte ich mich angetrieben zu beten trotz der empfindlichen Kälte, der Dunkelheit und des nächtlichen Schweigens. Am Ende des Gesätzes, dem «Ehre sei dem Vater», fühlte ich die heilige Hand wie liebkosend auf meinem Kopf, als ob mein Schutzengel mir hätte sagen wollen: «Es ist genug; Papa ist gerettet.» (Das fühlte ich mit der größten Sicherheit.) Ich ging wieder zu Bett, und nach kurzer Zeit schlief ich in süßem Frieden ein. Nach Verlauf einiger Tage erhielt Mama einen langen Brief von Papa mit Ausschnitten aus einer Zeitung, die den Fall erzählten. Wegen eines Verstoßes gegen die Disziplin hatte Papa einen Soldaten festnehmen lassen. Nach beendigter Strafe wurde dieser in die Freiheit gesetzt. Zwei oder drei Nächte später (eben in jener Nacht, in der ich aufwachte, um zu beten) wird Papa durch geräuschvolles, starkes Geknatter aufgeweckt und sieht sich von einem ungeheuren Feuerschein umgeben. Als er merkt, daß das Haus in Flammen steht, springt er aus dem Bett und will in das anstoßende Zimmer eilen, um wichtige Papiere zu retten. Unmöglich! Die Flammen greifen in erschreckender Weise um sich. Er versucht, durch eine andere Tür zu entkommen. Dasselbe! Überall Flammen! Da läuft er zum Fenster, aber die Hitze hat es verbogen, und es läßt sich nicht öffnen. Plötzlich jedoch springt das Fenster, an dessen Rahmen schon die Flammen lecken, mit einem starken Knall auf, und kaum hat Papa Zeit, hinauszuspringen. Er selbst gibt das Zeichen zum Feueralarm. Endlich kommt Hilfe. Später wurden Untersuchungen angestellt, und es gelang, den Fall aufzuklären. Der Soldat hatte, um sich zu rächen, das Feuer angezündet; er selbst hat dies später gestanden. Ich habe diesen Fall erzählt, weil ich fest davon überzeugt bin, daß mein Schutzengel Papa gerettet hat. Ich glaube sogar, daß er es war, der das Fenster öffnete, damit Papa sich retten konnte. Wie es meine Gewohnheit war, ohne selbst zu wissen weshalb, erzählte ich niemanden den Fall mit den Rosenkränzen in jener Nacht. Ich weiß, daß mein Schutzengel mich beten ließ, während er hinging, um Papa zu retten. Als er seine heilige Hand auf meinen Kopf legte, war Vater bereits gerettet. Mein heiliger Engel, möge der gute Gott durch deine Treue verherrlicht werden! Amen. 51. Das verbotene Buch Im Jahre 1916 wurde das «Heilig-Geist-Gymnasium » in Jaguarão geschlossen und nach Jaú, im Staate São Paulo, verlegt. Bald vermißte ich meinen heiligmässigen geistlichen Vater, Pater Evers, sehr. Seit 10 Jahren war ich an seine geistliche Leitung gewöhnt; denn er war es, der mir jede Woche den Weg vorzeichnete, den ich zu gehen hatte. Im Jahre 1917 begann sozusagen ein neuer Lebensabschnitt für mich. Peinliche Skrupel über die geringste Handlung, die ich nicht gut verrichtet zu haben glaubte, tauchten auf. Lange Zeit litt ich unter dieser grausamen Qual. Ich hatte jedoch große Liebe zu Jesus, zur Muttergottes und zu meinem Schutzengel, und mein Gewissen klagt mich nicht an, jemals ihren Einsprechungen untreu gewesen zu sein (ich füge hinzu «freiwillig»). Ungewöhnliche Gnade Gottes! Mein Abscheu vor der Sünde wuchs beträchtlich, und ich glaube, daß ich deshalb diese


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