Page 26

JoBlatt_6_15

Sie sah ihren Schutzengel Ich hätte eine Portion Eis vorgezogen, aber ich erinnerte 26 mich an den Fall mit dem Champagner und nahm das Getränk an. Der junge Herr, der mir unbekannt war, schenkte mir bald ein zweites Sektglas ein. Da ich fürchtete, gegen die sogenannten «Gesellschaftsregeln» zu verstoßen, wenn ich es zurückwiese, hob ich es an die Lippen. Doch sie wurden nicht benetzt; denn sanft wurde mein Arm von der heiligen Hand meines Schutzengels niedergehalten. Der junge Herr sprach auf mich ein, ich möge doch trinken. Da ich aber an dem Widerstand meines Schutzengels klar erkannte, daß ich mich in keiner Weise verfehle, lehnte ich dankend ab mit den Worten: «Vielen Dank, ich nehme nie mehr als ein Glas von irgend einem Getränk.» Der junge Herr wandte ein, das Sektglas enthalte doch kaum so viel wie ein Weinglas. Doch ich fühlte die heilige Hand auf meiner Schulter und wußte, was es bedeutete. Hätte mein Schutzengel mich nicht daran gehindert, so hätte ich ganz bestimmt ebenso viele Gläser Champagner getrunken, als der junge Herr mir angeboten hätte. Es kam mir gar nicht in den Sinn, daß ich zu viel trinken und mir damit hätte schaden können. Außerdem hatte ich eine ganz falsche Auffassung von dem, was Papa mir gesagt hatte, und fürchtete deshalb, mich gegen die Gesellschaftsregeln zu verfehlen. Mein Schutzengel ließ während der ganzen Zeit, da ich mit dem Herrn am Tische saß, seine heilige Hand auf meiner Schulter. Sein heiliges Antlitz zeigte eine sanfte Strenge, und er schien traurig zu sein. Ich verstand, daß es ihm mißfiel, wenn ich noch länger mit dem Herrn dort bliebe. Ohne Umschweife stand ich darum auf und sagte, ich wolle zum Saal zurückkehren. Er wollte mich begleiten, aber ich antwortete ihm, ich wünschte allein zu gehen, und tat es auch. Mein heiliger Schutzengel, in diesem Augenblick erkenne ich, daß du mich wiederum vor einem Unglück bewahrtest. Du hast deine kleine 28 Freundin aus vielen großen Gefahren gerettet, ohne daß sie es erkannte. Jetzt erst erfasse ich das klar. Mein heiliger Schutzengel, noch immer liebe ich dich sehr, obwohl du dich verborgen und deine schwache Freundin sich selbst überlassen hast. Doch ich weiß sehr wohl, daß du das tust, weil der liebe Heiland es will. Deshalb will auch ich es und vertraue stets auf deinen Schutz. Amen. 50. Gebet auf den Knien Papa war noch immer in der Militär-Kolonie am Oberen Uruguay. Dort gab es keine Steinhäuser, und bevor Papa dorthin berufen wurde, ließ die Regierung ein Holzhaus für ihn bauen, das mit Lack gestrichen und auch mit Möbeln versehen war. Papa wohnte allein mit einer Köchin, einem Hausmädchen und einem Diener. Die Familienangehörigen waren noch immer in Jaguarã. Schon bei einer anderen Gelegenheit habe ich erwähnt, daß ich mich nicht an Papas Abwesenheit gewöhnen konnte. Nie verlor ich ihn aus dem Gedächtnis. In meiner Sehnsucht nach Papa dachte ich oft, daß dort in der Kolonie niemand sei, der im Falle einer Krankheit gut für ihn sorge, und viele andere Beunruhigungen quälten mich. Unmöglich konnte ich abends einschlafen, bevor ich nicht den ganzen Rosenkranz für Papa gebetet, wenn ich nicht irgendein «großes» Opfer gebracht hatte. Meine letzte Bitte an den Schutzengel, vor dem Einschlafen, war unveränderlich diese: «Mein lieber heiliger Schutzengel, sobald ich eingeschlafen bin, gehe zu Papa und wache über ihn, zusammen mit seinem heiligen Engel.» Erst dann konnte ich in Frieden schlafen. Eines Tages hatte ich mehr als gewöhnlich Sehnsucht nach Papa. Die Öpferchen wurden vermehrt, und ich betete mehr als einen Rosenkranz. Abends bat ich meinen Schutzengel, er möge schon zu Papa gehen, bevor ich einschlafe. Schwester Maria Antonia Cony


JoBlatt_6_15
To see the actual publication please follow the link above