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MARIANISCHE SPIRITUALITÄT Die Jungfräulichkeit Mariens 16 P. Fidelis Stöckl Wenn die Kirche von Maria, der Mutter Gottes, spricht, stellt sie uns die Einzigartigkeit ihrer Mutterschaft vor Augen: Maria ist Mutter und zugleich Jungfrau, sie ist die allzeit jungfräuliche Gottesmutter. Ihre Jungfrauschaft und ihr Muttersein sind aufs Innigste miteinander verbunden; sie lassen sich nicht trennen, sondern sind zwei wesentliche Aspekte ihrer Berufung. So bekennt die Kirche neben der Gottesmutterschaft Mariens auch ihre immerwährende Jungfräulichkeit. «Maria», sagt der hl. Augustinus, «ist Jungfrau geblieben, als sie ihren Sohn empfing, Jungfrau, als sie ihn gebar, Jungfrau, als sie ihn trug, Jungfrau, als sie ihn an ihrer Brust nährte, allzeit Jungfrau». Mariens Entschluss zur Jungfräulichkeit Der hl. Evangelist Lukas berichtet uns, dass der Engel Gabriel von Gott zu einer Jungfrau gesandt wurde, die mit einem Mann namens Josef verlobt war, und dass der Name der Jungfrau Maria war (vgl. Lk 1,26). Als der Engel ihr mitteilt, dass sie ein Kind empfangen werde, da richtet Maria folgende Frage an den Engel: «Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?» (Lk 1,34). Diese Frage ist von großer Bedeutung, denn zu diesem Zeitpunkt war Maria bereits mit Josef verlobt, und nach jüdischen Brauch würde sie ihr Bräutigam innerhalb weniger Monate in sein Haus aufnehmen, um das eheliche Zusammenleben zu beginnen. Warum also stellt Maria diese Frage? Denn sie bringt damit ihren festen Entschluss zum Ausdruck, Gott durch ein jungfräuliches Leben mit ungeteiltem Herzen dienen zu wollen. Der hl. Johannes Paul II. sprach in seiner Katechese bei der Generalaudienz vom 7.8.1996 über die Jungfräulichkeit Mariens. Er sagte, Maria hatte diese Entscheidung schon lange Zeit vor der Verkündigung gefasst. Sie empfand tiefen Schmerz über die Untreue ihres Volkes, das den Herrn, seinen Gott, den Bräutigam Israels, im Laufe seiner Geschichte so oft verlassen hatte. So reifte in ihrem Herzen der Entschluss, sich Gott mit Seele und Leib gänzlich hinzuschenken und ihn zum Inhalt ihres Lebens zu machen. Diesen Entschluss hatte Maria aus freien Stücken, unter dem Antrieb des Heiligen Geistes gefasst. Den hl. Josef hat sie sicherlich vor der Verlobung in ihr Geheimnis eingeweiht, und er hat zugestimmt. Damit ist sie und der hl. Josef das Vorbild all derer, die Christus in einem gottgeweihten, jungfräulichen Leben nachfolgen. Die jungfräuliche Empfängnis Jesu Wenn die Kirche von der immerwährenden Jungfrauschaft Mariens spricht, unterscheidet sie drei Momente: Maria ist Jungfrau vor, bei und nach der Geburt Jesu. Von diesen drei Momenten ist die Jungfräulichkeit Mariens bei der Empfängnis Jesu von einzigartiger Bedeutung, denn die Art und Weise, wie Jesus empfangen wurde, offenbart uns, wer der Empfangene ist. Im Hintergrund des Geschehens von Nazareth steht die Prophezeiung Jesajas: «Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären, und ihm den Namen Emmanuel (Gott mit uns) geben» (Jes 7,14). Diese alte Verheißung hat sich in der Menschwerdung des Sohnes Gottes überreich erfüllt.


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