Page 10

JoBlatt_6_15

WORTE EWIGEN LEBENS P. Tarcisius Seeanner 10 Josef, der Gerechte «Der Gerechte wird niemals wanken.» (Spr 10,30) Wenn wir mehr über den hl. Josef wissen wollen, können wir verschiedene Bücher lesen, die Abbildungen des Heiligen in unseren Kirchen und Kapellen betrachten, oder wir nehmen das Wort Gottes zur Hand, um zu sehen, welche Eigenschaften seines Pflegevaters der liebe Gott ganz besonders hervorheben wollte. Als Vergleich könnten wir sagen, die ganze Literatur über den demütigen Zimmermann ist wie ein ruhiger See, der die großen Tugenden des Heiligen widerspiegelt. Das Evangelium hingegen ist wie ein kleiner aber tiefer Brunnen, der auf seinem Grund ein kühles und frisches Wasser birgt, das uns die wahre Größe dieses äußerlich so schlichten Mannes erahnen lässt. Schweigsam und gehorsam Als Erstes fällt uns auf, dass die Hl. Schrift kein Wort überliefert, das der hl. Josef gesprochen hat. Im Gegenteil, er erscheint als ein Mann der Tat: «Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte» (Mt 1,24). Noch eine andere Eigenschaft entdecken wir hier: Der hl. Josef musste eine besondere Feinfühligkeit besitzen, Gottes Willen zu erkennen. In der Regel sprach der Engel mit ihm während eines Traumes. Und der Bräutigam Mariens war immer hellhörig genug, die Stimme Gottes zu vernehmen, ihre Wichtigkeit zu erkennen, sie von den eigenen Vorstellungen zu unterscheiden und in unbedingtem Gehorsam auszuführen. Der Zimmermann aus Nazareth tritt dabei in die Fußstapfen des Patriarchen Josef von Ägypten, der auch durch Traumgesichte von Gott über seine zukünftigen Aufgaben unterrichtet wurde. Im tiefen Schweigen der Nacht vernimmt St. Josef den Willen Gottes. So zeichnet diesen Heiligen besonders die Stille aus. Genauso still und unscheinbar, wie ihn die Hl. Schrift als Bräutigam Mariens vorstellt, verschwindet er auch wieder, nachdem er seine Aufgabe erfüllt hat. Seine Antwort auf die Botschaft Gottes drückt er nicht in Worten aus, sondern in Taten. Der Gehorsam lässt Josef zwar vom Schlaf erwachen, aber aus seinem Schweigen tritt er nicht heraus: «Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten » (Mt 2,14). Seine Bereitschaft zum wachsamen Vernehmen der Stimme des Engels und zum unbedingten Gehorsam kommt aus dieser Stille. Die Personen, die die Göttliche Vorsehung in die Nähe des Heilands gestellt hat, zeichnen sich durch tiefe Demut aus. St. Josef verdeckte nie die Sendung seines Pflegesohnes. Wie Johannes der Täufer, dessen Predigt zeitlich klar beschränkt war, lebte auch der heilige Zimmermann nach dem Motto: «Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden» (Joh 3,30). Das Schweigen offenbart die Demut und Klugheit des Pflegevaters Jesu. Zugleich ist es auch für uns Voraussetzung, wenn wir dem Willen Gottes gehorsam sein wollen. Je unruhiger, gehetzter, geschäftiger und lärmender wir sind, desto schwieriger wird es, die Stimme des Engels zu hören. Es ist, als stünde eine Wand dazwischen. Und der Ansporn, dem Willen Gottes zu gehorchen, verkümmert. Ein Vorbild an Tugenden Aus dem Evangelium können wir auch andere Tugenden des hl. Josef herauslesen. Wie rein und zuverlässig musste dieser Mann sein, dem Gott seine größten Schätze auf Erden anvertraute: seinen einzigen Sohn und die Allerreinste Jungfrau Maria. Sicherlich war der Pflegevater Jesu auch ein guter Handwerker, da er allein für den Unterhalt der Hl. Familie aufkommen musste und Lehrmeister des Gottessohnes wurde. Wir können uns vorstellen, mit wie viel Umsicht und Liebe er für seine Lieben sorgte, und staunen, wie hart er auf die Probe gestellt wurde. Aber selbst in den schwierigsten Situationen, wo er seiner Braut in der schweren Stunde der Geburt ihres Sohnes kein trautes Heim bieten konnte und mit dem Kind und seiner Mutter in das ferne Ägypten fliehen musste, wurde das Vertrauen des Heiligen nicht erschüttert. Mit Klugheit und Geduld meisterte er die großen Herausforderungen. Der hl. Evangelist Matthäus schreibt: «Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen» (Mt 1,19). Die sanfte Reaktion des Bräutigams auf die unerklär


JoBlatt_6_15
To see the actual publication please follow the link above